NABU - Gruppe Ammersbek e.V.


Die Katastrophe am Lottbeker Stauteich und unsere Lehre daraus

Die Stauteich-Katastrophe im Mai/Juni 2023 - Fazit und Forderungen des NABU Ammersbek

Es sind viele, viele Tausend Erdkröten einer für die Region bedeutsamen Population gestorben, als Kaulquappen oder als Babykröten. Ebenso starben einige Hundert geschützte Teichmuscheln und Wasserschnecken. 
Auch eine Menge Fische verendeten, ein Großteil war als Besatz in das Gewässer vom Menschen eingebracht. Dieser Überbestand von großen Weißfischen, zum Teil bodenwühlende Arten, ist für das Biotop schädlich und trägt zu seiner Eutrophierung bei.

Neue Erkenntnisse

Das Austrocknen des Lottbeker Stauteichs von April bis Juni 2023 hat zwei Phänomene gezeigt, die uns in dem Ausmaß nicht bekannt waren:

  • Das seit über einem halben Jahrhundert gestaute Gewässer hat sich zu einem der größten Laichgebiete für Erdkröten in der gesamten Region entwickelt. Die außerordentliche Populationsgröße war nun, da sich die Nachkommenschaft auf die letzten Quadratmeter Wasser konzentrierte, für jeden sichtbar.
  • Die Population an Großmuscheln, die über 30 Jahre alt werden können, war ebenfalls viel größer als angenommen. Rechnet man die Zahl der aus dem Restteich geretteten und der Totfunde auf die ganze Teichfläche hoch, dürften es einige Tausend sein. Das wiederholte Austrocknen des Teiches hat auch in den Vorjahren schon zu ihrem Sterben beigetragen.

Viele Menschen waren entsetzt und betroffen, sie riefen beim NABU an und machten Druck bei den Hamburger Behörden. Das hat sehr geholfen, den Behörden die Dringlichkeit klar zu machen.

Engagierte Bürger*innen retten viele Tiere

Durch schweißtreibendes Engagement einzelner Menschen, darunter auch zwei unserer Schutzgebietsbetreuerinnen, konnten eimerweise Kaulquappen umgesetzt und gerettet werden.
Durch eine schnelle Notreifung haben es zumindest auch einige Kröten von selbst geschafft, nämlich solche, die nachts an Land krabbeln konnten auf der Schattenseite des Teiches.
Auch von den Großmuscheln wurden rund 600 gerettet, dank des erst dienstlichen und dann zusätzlichen privaten Engagements einer Biologin und ihrer Kinder.
Für die meisten Fische, die im Vergleich zu den anderen Tieren viel mehr Sauerstoff brauchen, kam jede Hilfe zu spät. Der Bestand an den Fischen, die in so einem Gewässer natürlicherweise leben, wird sich aber wieder erholen. Die wiederbelebte Moorbek bringt Stichlinge und andere kleine Fische mit und Enten tragen in ihrem Gefieder Fischeier ein.

Unser Fazit:

  • Die zuständigen Hamburger Behörden haben zu langsam reagiert und Warnungen der Artenschutzexperten vor Ort nicht beachtet. Offenbar waren die artenschutzrechtlichen Belange und die biologischen Konsequenzen aus einer Zeit, in der Amphibien laichen, aber Gewässer normalerweise noch nicht austrocknen, den wasserbaulich ausgerichteten Behörden nicht ausreichend bekannt.
  • Erste behördliche Tierrettungsaktionen waren hilflos und von Unkenntnis bestimmt, man glaubte, die Erdkröten würden in der Restpfütze überleben, während diese bereits als durch Gewässeraustrocknung notgereifte Kleinkröten an den besonnten Ufern starben.

  • Mehrere Wochen lagen tote Fische in der prallen Hitze auf dem Schlamm und trieben im Wasser bevor sie endlich eingesammelt wurden.
  • Erst als von entsetzten Bürgern und dem NABU Ammersbek die Hamburger Umweltbehörde, BUKEA, alarmiert wurde, kümmerte man sich behördlicherseits um partielle Rettung geschützter Tiere.
  • Das Wehr wurde vom Bezirksamt Wandsbek erst zweieinhalb Monate nach unserem Hinweis auf das durch Teichaustrocknung drohende Krötensterben mit einer Bretterwand abgedichtet. Es sickert aber noch immer etwas Wasser durch.
  • Obwohl der Zustand des Wehrs seit Jahren bekannt ist, wurden mögliche Folgen der Undichtigkeit nicht bedacht. Trockenheit allein hätte nicht zu einem solchen Ausmaß des Sterbens geführt, es kamen mehrere Faktoren hinzu, die das Extremereignis beförderten:
    • Der Zufluss von oberhalb aus der Moorbek versiegt immer wieder, weil aus dem Einzugsgebiet Wasser nicht kontinuierlich nachströmt. Grund dafür ist die Versiegelung, Austrocknung von Quellen und Entwässerung von Agrarflächen. Das alles führt in der Summe dazu, dass im Winter Wasser schnell wegfließt und insgesamt zu wenig Wasser zurückgehalten wird.
    • Die Wasservorräte aus dem Winter 22/23 waren zu gering für ein trockenes Frühjahr. Die sommerlichen Trockenphasen der Vorjahre hatten auf die Amphibien keinen vergleichbaren Effekt, da sie das Wasser bereits verlassen hatten. Auch andere Wassertiere wie die zahlreichen Libellenarten sind weit weniger betroffen, wenn eine Trockenphase erst im Hochsommer einsetzt. Viele Arten sind an derartige Verhältnisse angepasst. Eine sommerliche Austrocknung, in Fischteichen oft als sogenannte Sömmerung künstlich herbeigeführt, hat sogar positive Effekte. Eine Frühjahrstrockenheit wirkt sich dagegen negativ auf das Gesamtbiotop und seine Bewohner aus.

Unsere Forderungen zur Zukunft des Stauteichs:

  1. Da die Schlammschicht viel mächtiger ist als gedacht, ist eine Entschlammung zur Erhöhung des Nutzvolumens und Verbesserung der Wasserqualität angeraten. Ein größeres Wasser­volumen würde die Resilienz des Teiches gegenüber Dürrephasen erhöhen. Es muss jedoch in Bezug auf die Art der Ausführung, Umfang und Zeitpunkt mit großer Sensibilität vorgegangen werden, damit nicht weitere der geschützten Tiere sterben.
  2. Im Winter muss ein möglichst hoher Wasserstand im Stauteich gehalten werden, um ausreichend Wasserreserven für die Amphbienlaichzeiten im Frühjahr zu haben.
  3. Eine Erneuerung oder Reparatur des Mönchs, um einen ungeregelten oder unbemerkten Abfluss in Trockenzeiten zu verhindern ist vor dem nächsten Frühjahr notwendig. Der Ausfall einer weiteren Erdkrötengeneration würde einem nachhaltigen Einbruch der Gesamtpopulation mit entsprechenden artenschutzrechtlichen Konsequenzen bedeuten. Auch die Erholung der Teichmuscheln und Sumpfdeckelschnecken würde ein weiteres, zeitnahes Trockenfallen gefährden.
  4. Um den Wasserzufluss zu verstetigen, sollte der Rückhalt von Wasser in der Landschaft verbessert werden. Notwendig ist dafür die Aufgabe von Entwässerungen der Quellregion und keine weitere Zunahme der Versiegelung im Quell- und Einzugsgebiet.
  5. Am Stauteich sollen keinerlei biologische Manipulationen durch Bepflanzung und Besatz stattfinden. Vor allem darf der Stauteich nicht wieder mit Fischen künstlich besetzt werden, damit sich das Fischsterben im Falle hochsommerlicher Trockenphasen nicht wiederholt. Nur eine natürliche Regulation kann einen für das Gewässer verträglich ausbalancierten Fischbestand erreichen, was auch zu einer besseren Wasserqualität beiträgt.
  6. Die Ereignisse dieses Frühjahrs bestätigen uns in unserer Forderung, den Lottbeker Stauteich in seiner heutigen Größe zu erhalten. Das Herstellen der Durchgängigkeit der Lottbek durch Rückbau des Teiches würde einen größeren Schaden für den Artenschutz anrichten als die derzeitige Unterbrechung des sauerstoffreichen, kühlen Fließgewässers durch das sauerstoffarme, sich schnell erwärmende Stillgewässer:
  7. Die große Zahl der dort laichenden Erdkröten und der auf dem Gewässerboden lebenden geschützten Muscheln und Schnecken sind vom Erhalt eines ausreichend großen Gewässers abhängig.
  8. Der Stauteich ist ein bedeutendes Naherholungsgebiet, das im oberen Bereich in den beiden Naturschutzgebieten natürlich ausgebildet und im unteren Teil nahe dem Wehr durch Nutzung des Ufers (insbes. badende Hunde) geprägt ist. Eine Reduzierung der Wasserfläche auf den oberen Bereich durch die Errichtung eines Dammes, wie die Planungen derzeit vorsehen, würde zur Verlagerung der Nutzung in den Naturbereich und damit zur Zerstörung der gesetzlich geschützten röhricht- und schwertliliengeprägten Uferbiotope führen. Dies hätte auch negative Folgen für die wenigen dort brütenden Wasservögel und für die Selbstreinigungskraft des Gewässers.
  9. Ein Rückbau des Stauteiches auf eine Restfläche würde das Jagdhabitat der Wasserfledermäuse beträchtlich verkleinern, so dass negative Auswirkungen auf ihren Bestand nicht auszuschließen sind.
  10. Die starken Überflutungen der Hamburger Unterlieger 2007 wurden primär von der Verengung des Abflussquerschnittes von einer oder zwei Brücken zu den Grundstücken verursacht. Darauf wiesen übereinstimmend NABU und BUND in ihren Stellungnahmen zur damals geplanten Umlegung der Lottbek hin. Vor einigen Jahren wurde die engste Brücke erneuert und erweitert, so dass seitdem kein Starkregenereignis zu solchen Überflutungen führte. Die Notwendigkeit der Erhöhung des Retentionsvolumens, also der Wassermenge, die bei Starkregenereignissen im Teich zurückgehalten wird, ist daher zu hinterfragen.
  11. Ein größerer Retentionsraum ohne Eingriff in die Teichstruktur ergäbe sich natürlicherweise, wenn die Lottbek mehr Platz hätte. Dieser ist durchaus vorhanden, denn die Hamburger Talwiese parallel zum Bachlauf unterhalb des Mönchs könnte der Bach nutzen, wenn man seinen Lauf durch Rückbau der Verbauung und kleine Gestaltungsmaßnahmen naturnäher mäandrieren ließe. Das hätte auch einen positiven Nebeneffekt auf den an den Steilufern ständig einbrechenden Wanderweg.
  12. Da infolge der veränderten Jahresniederschläge die Lottbek immer wieder trockenfällt, ist eine Durchgängigkeit des Baches über das ganze Jahr sowieso nicht mehr gewährleistet, ein Umbau des Gewässers nur zur punktuellen Erhöhung der Durchgängigkeit stünde in einem schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnis.

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